die tageszeitung
freitag, 02. märz 2002
seite 14, wissenschaft
Der Mensch ist nicht konstruierbar
Humangenetikerinnen und PsychologInnen waren sich auf einem Berliner Kongress
erstaunlich einig: Genetischen Determinismus gibt es nicht. Dissens wurde bei
anderen Themen festgestellt: Gibt es eugenische Wirkungen von Gentechnik?
von UTE SCHEUB
"Gentherapie statt Psychotherapie?" - so lautete, etwas provokant, der Titel
eines interdisziplinären Kongresses, der am Mittwoch in der Freien
Universität Berlin zu Ende ging. Organisiert von der Deutschen Gesellschaft
für Verhaltenstherapie und der Gesellschaft für Gemeindepsychologische
Forschung und Praxis diskutierten rund tausend Psychologinnen und
Humangenetikerlnnen fast eine Woche lang das Thema Gentechnik.
Hier herrschte Konsens- Der Streit, ob vor allem die Gene oder vor allem die
Umwelt ein Verhalten prägen, hat sich in seiner alten Form erledigt. Es gibt
keinen genetischen Determinismus. Verantwortlich für diese erstaunliche neue
Einigkeit zwischen den hierob doch lange zerstrittenen Sozial- und
Naturwissen-schaftlerInnen sind die unbeabsichtigten Nebenwirkungen des
internationalen Human Genom Projekt.
Es machte Schluss mit der bis dato geltenden deterministischen Gleichung: ein
Gen = ein Eiweiß = eine Wirkung. Und es zeigte auf, wie unvorstellbar
filigran und kompliziert das Zusammenspiel von Genen und Umwelt ist, um einen
einzigen Menschen entstehen zu lassen.
Das Netzwerk zwischen Genen, Proteinen, biologischer und sozialer Umwelt sei
"noch überhaupt nicht verstanden", gab der Berliner Humangenetiker Karl
Sperling zu. "Wir staunen über die gigantische Komplexität", die selbst
genetisch identische Zwillinge zu sehr unterschiedlichen Wesen lassen werden
könne, ergänzte sein FachkolIege Ingo Kennerknecht. Gesundheit, hoes Alter,
Intelligenz oder Schönheit seien, da multifaktorell bedingt, gentechnisch
schlicht nicht herstellbar, schlussfolgerten die NaturwissenschaftlerInnen.
Kein Genbastler auf dieser Welt werde den "idealen Menschen" hervorbringen
können.
Aber ebenso passé sei die Vorstellung aus den Siebzigerjahren, Neugeborene
seien eine Art "tabula rasa", ergänzten die SozialwissenschaftlerInnen, die
man per Umwelt und Erziehung zu jeder Form von Verhalten bringen könnte. Nur:
Welchen genauen Anteil die Erbanlagen dabei haben und welchen die Umwelt, das
musste weiter offen bleiben und lässt sich sicher auch nicht mit einer
pauschalen Prozentzahl angeben.
Einigkeit bestand auch bei der Prognose, dass die Gentherapie am Menschen in
Zukunft so gut wie keine Rolle spielen wird. "Aus Gründen, die wir noch nicht
ganz verstanden haben", so Humangenetiker Jörg Schmittke, funktioniere die
Gentherapie beim "Tiermodell" hervorragend, nicht aber beim Menschen. Es habe
bisher 5ooVersuche am Menschen gegeben, die mindestens zehn Tote verursacht
hätten, ergänzte Medizinjournalist Klaus Dallibor, der Fall des 18-jährigen
Jesse Gelsinger, der bei einem Versuch an der University of Pennsylvania,
USA, gestorben war, sei nur der bekannteste. "Gentherapie statt
Psychotherapie?" - nein, wohl eher umgekehrt.
Konsens bestand auch darin, dass die Schere zwischen den Diagnose- und den
Therapiemöglichkeiten der Gentechnik sich immer weiter öffnet. Bis zum Jahr
2005, schätzte Jörg Schmittke, seien alle monogenen, also alle durch ein
einzelnes Gen verursachten Erkrankungen diagnostizierbar. Was aber haben die
Patienten von einem Gentest, wenn ihre Krankheit nur in den seltensten Fällen
therapierbar ist? Vielfach nur Angst und Schrecken: vor einem Ausbruch der
Krankheit, vor einem Verlust des Arbeitsplatzes, vor höheren
Versicherungsprämien.
Dennoch, glaubte der Humangenetiker, sei die weltweite Genetisierung der
Gesellschaft mit allen ihren sozialen Folgen nicht mehr aufzuhalten.
Lifestyle-Gentests und Test-Kits aus dem globalisierten Testmarkt seien bald
überall zu haben.
Die paradoxe Folge des genetischen Screenings: Normierung und
Individualisierung. Es entstünde eine Norm des Gesunden, deren Einhaltung
immer mehr in die Verantwortung des einzelnen Individuums geschoben werde.
Die Träger "schlechter Gene" hätten Entsolidarisierung und Diskriminierung am
Arbeitsplatz zu befürchten.
Soll man nach genetischen Ursachen von seelischen Erkrankungen suchen? Peter
Propping, Humangenetiker an der Universität Bonn und Mitglied des Nationalen
Ethikrates, glaubte bei seinem Vortrag einige Indizien für eine genetische
Disposition bei Alkoholismus, Schizophrenie oder "Neurotizismus" gefunden zu
haben: Bei eineiigen Zwillingen erkranken häufiger beide Geschwister als bei
zweieiigen. Wenn ein Zwilling an einer Panikstörung erkrankt sei, dann liege
die Wahrscheinlichkeit für den anderen, ebenfalls die Krankheit zu bekommen,
bei etwa 40 Prozent.
Der Befund kann jedoch auch andersherum interpretiert werden: Genetisch
identische Personen reagieren keineswegs gleich, also spielt die Umwelt eine
krankheits- oder gesundheitsfördernde Rolle. Letzteres aber, die
Salutogenese, werde überhaupt nicht untersucht und nicht gefördert, schimpfte
die Vorsitzende des Bundesverbandes der Psychiatrie-Geschädigten, deshalb
seien Proppings Forschungen "rausgeschmissenes Geld".
Einige Psychiater und Humangenetiker gaben ihr unumwunden Recht: Krankheiten,
zumal solche mit unscharfen Symptomen, seien immer auch ein "kulturelles
Konstrukt" Es sei vor allem die Pharmaindustrie, die mit allen Mitteln ein
"Schizophrenie-Gen" dingfest machen wolle: "Da wird ungeheuer viel Geld
reingepumpt, das sich rentieren muss." Auch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft sei hier einseitig festgelegt und fördere fast nur
biomedizinische Forschung, während sozialpsychologische Projekte brachlägen.
Gibt es eine eugenische Wirkung der Gentechnik? Die vorgeburtliche Diagnostik
der letzten Jahrzehnte hätte einen "pränatalen Vernichtungsfeldzug" geführt,
schimpfte Gusti Steiner stellvertretend für viele Behinderte. Obwohl er
selbst eine genetisch bedingte progressive Muskeldystrophie habe und auf den
Rollstuhl angewiesen sei, lebe er "sehr erfüllt und offensiv" Aber immer mehr
Föten mit dieser Diagnose oder mit DownSyndrom würden abgetrieben.
Hier könne doch nicht von einem "Feldzug" im Sinne bewusster Eugenik die Rede
sein, erwiderte der Psychotherapeut Bernhard Scholten. Doch Humangenetiker
Jörg Schmittke und Psychotherapeut Michael Wunder sahen das anders: Zwar
könnten den einzelnen Handelnden nichts Böses unterstellt werden, aber die
Gesamtwirkung aller Handlungen sei eben doch eugenisch.
Wunder, Mitglied der Bundestags-Enquetekommission "Recht und Ethik in der
modernen Medizin", untermauerte seine Argumentation mit Zahlen aus einer
Bundestagsdrucksache: 1973 hatten von l00.000 Neugeborenen gut 13 Kinder ein
Down-Syndrom, 1990 waren es nur noch gut 8, inzwischen dürften es noch viel
weniger sein. 95 Prozent aller Abtreibungen nach einem auffälligen pränatalen
Testergebnis seien Down-Abtreibungen, ergänzte die Soziologin Elisabeth
Beck-Gernsheim.
Ist das nun Behinderten-Diskriminierung oder nicht? Hier steht Wahrnehmung
gegen Wahrnehmung, verlässliche Studien gibt es dazu nicht. Früher seien
behinderte Kinder ausgesetzt oder umgebracht worden, die Integrationsleistung
der heutigen Gesellschaft sei doch enorm, meinte Margot von Renesse,
Vorsitzende der Enquetekommission Medizinethik. Dem stehen Erfahrungen von
Frauen entgegen, die ein Down-Baby austrugen und sich anhören mussten: "So
was muss doch heute nicht mehr sein."
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